Hamburg. Nikki Gerlach greift in das Bastkörbchen und fühlt die Temperatur, kein Hotelgast will den Tag mit einem kalten Ei beginnen. Dann bringt er den Krug mit Orangensaft in die Küche und trägt ihn aufgefüllt zurück zum Buffet. Schinken, Käse und Müsli gibt es noch genug, bei den Semmeln sieht es dagegen einsam aus. Gerlach, in schwarzer Weste und mit Fliege, geht langsam wieder Richtung Küche. „Ist alles in Ordnung?“, fragt er einen Gast und lächelt.
Das Stadthaushotel in Hamburg, in dem Gerlach arbeitet, ist ein helles, modernes Drei-Sterne-Haus mit 13 Zimmern, und das Servicepersonal versieht seine Aufgaben akkurat und aufmerksam – alles ganz normal also. Aber das Hotel ist ganz anders als andere Häuser, denn Gerlach und acht weitere der 13 Mitarbeiter haben eine geistige oder körperliche Behinderung. Am freien Arbeitsmarkt würden sie nicht eingestellt.
Integrative Betriebe wie das Stadthaushotel dagegen bauen auf die Leistungsfähigkeit und Offenheit von Menschen mit Handicap. Sie sollen einen Platz in der regulären Arbeitswelt bekommen und ins Alltagsleben integriert werden. 1993 eröffnet, war das Hamburger Haus das erste Integrativhotel Europas. Die Eltern der heutigen Mitarbeiter stellten das Projekt auf die Beine, um für ihre Kinder Alternativen zur üblichen Behinderten-Werkstatt zu schaffen. Mittlerweile kooperieren 14 integrative Betriebe in Deutschland unter der Marke Embrace Hotels — wörtlich übersetzt „Häuser, die umarmen“. Ein Jugendgästehaus an der Ostsee ist dabei, Business- und Tagungshotels in Mainz und Erfurt, aber auch ein Vier-Sterne-Wellnesshaus und ein Schlosshotel.
„Kein Gutmenschentum“
Alle Betriebe verbindet eine gemeinsame Überzeugung: Das Zusammensein von Menschen mit und ohne Behinderung ist das Normalste auf der Welt. Mit behinderten Menschen umzugehen, fällt nicht behinderten Menschen allerdings oft schwer. Für die Mitarbeiter ist die Situation aber alltäglich und die Rollen sind auch dementsprechend klar festgelegt: „Wer bei uns übernachtet, der will für sein Geld eine gute Dienstleistung, und die bekommt er“, sagt Stadthaushotel-Manager Christian Wagner.
Wie jedes Hotel definieren sich auch die Embrace-Häuser über die Qualität ihres Service. Allerdings sehen sie sich nicht als reine Dienstleistungsunternehmen. Statt als gute Geister dezent im Hintergrund zu agieren, sollen die behinderten Hotelkräfte mit den Gästen in Kontakt treten. „Die Begegnung und das gegenseitige Erleben der Menschen mit und ohne Behinderung steht im Mittelpunkt“ heißt es im Leitbild der Hotels.
Ob der Gast mit einer positiven oder einer negativen Erfahrung abreist, sei aber völlig offen, sagt Wagner. Schließlich gehe es nicht um Gutmenschentum und keinesfalls wolle sein Hotel einen Behindertenbonus. Warum auch? Die Mitarbeiter sehen vielleicht ein bisschen anders aus und sprechen undeutlicher. Doch sie sind so wie Hotelpersonal sein soll: Engagiert und zuvorkommend, zudem herzlich und ungekünstelt. „Meine Leute machen keine Unterschiede“, sagt Wagner. „Jeder Gast wird gleich freundlich behandelt.“
Die weniger kommunikativen Mitarbeiter im Stadthaushotel beziehen Betten und putzen Bäder, helfen in der Küche oder kümmern sich um die Wäsche. Wer besonders offen und flexibel ist, arbeitet im Frühstücksservice. Fast alle der Mitarbeiter haben das sogenannte Down-Syndrom, sie brauchen vertraute Strukturen und gleich bleibende Arbeitsabläufe. Und sie mögen keine seelenlosen Maschinen, daher tragen die beiden Hotelstaubsauger Kulleraugen und heißen Henry und Henriette.
Tritt im Hotelalltag eine unvorhergesehene Situation auf, dann stehen erfahrene Mitarbeiter den Kollegen mit Behinderung zur Seite. Das Schlimmste, das einem Gast dann passieren kann, ist ein bisschen warten zu müssen. Vor allem Geschäftsreisende schätzen die stressfreie Atmosphäre des kleinen Hotels. „Dieses Haus tut gut im hektischen Alltag“, lautet ein Eintrag im dicken Gästebuch.
Wagner hat sein Team intensiv geschult. Damit jeder seine volle Leistung bringen kann, sind die Längen der Schichten sowie die Arbeitsabläufe individuell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt. Auf den Putzlisten stehen Detailanweisungen: „Müll raus, neuer Müllbeutel“ und „Klopapier da?“ Wer nicht lesen kann, erkennt an Farbmarkierungen, welches ein „Abreisezimmer“ oder ein „Bleibezimmer“ ist. Symbole zeigen, wo das Zustellbett hingehört und der Duschstuhl für Rollstuhlfahrer. Damit auch Körperbehinderte in Embrace Hotels arbeiten können, sind alle Häuser barrierefrei. Das wiederum ist ein attraktives Plus für Gäste mit Behinderungen und für ältere Reisende.
Pläne für Österreich
Der Embrace-Verbund beziffert die Auslastung seiner Häuser als zehn Prozent höher als die der Konkurrenz. Im Stadthaushotel Hamburg etwa liegt die Quote bei 85 Prozent. Der Erfolg zeugt von einem wachsenden Bedarf nach Integrativhotels, heißt es bei Embrace. Mehr als 30 Pläne für neue Integrativhotels gebe es derzeit, jeden Monat melden sich weitere Interessenten, auch Anfragen aus Österreich, Luxemburg und Ungarn gibt es.
Ein Großprojekt steht in Hamburg selbst an: 2011 soll im neuen Stadtteil Hafen-City ein integratives Drei-Sterne-Hotel mit 80 Zimmern, Festsaal und Restaurant eröffnen. Mehr als die Hälfte der geplanten 90 Stellen will der Trägerverein, der auch das Stadthaushotel betreibt, mit behinderten Menschen besetzen. Gezahlt wird nach dem Tarif für Hotelhilfskräfte. Mobilität und Teamfähigkeit sind die Grundkriterien für den Hoteljob, in einem dreimonatigen Praktikum werden die Motorik und das Lernvermögen der künftigen Mitarbeiter getestet. Schon jetzt stapeln sich die Bewerbungen. Auch Nikki Gerlach will in das große Haus am Hafen wechseln, erzählt der 21-Jährige. „Sport mache ich ja jetzt nicht mehr“, sagt er. „Arbeiten ist doch viel schöner.“
Von Wiener Zeitung Korrespondentin Daniela Schröder
Printausgabe vom Freitag, 12. Juni 2009





